Hz. Ali war der Sohn von Abu Talib, dem Onkel des Propheten Muhammad (s.a.w.). Obwohl Abu Talib finanziell nicht gut gestellt war, zog er den Propheten viele Jahre lang bei sich auf. Er ließ niemanden essen, bevor der Prophet sich zum Abendmahl zugesellte. Aufgrund seiner Erfahrung wusste er nämlich, dass der Prophet (s.a.w.) eine Quelle des Segens war. Nachdem der Gesandte Allahs (a.s.m.) Hz. Khadîdscha geheiratet hatte, nahm er Hz. Ali in seinen Haushalt auf – mit der Absicht, die Last seines Onkels zu erleichtern und ihm damit Dankbarkeit zu zeigen. Damals war Hz. Ali etwa vier bis fünf Jahre alt, weshalb er seine Kindheit unter der Obhut und Erziehung des Propheten verbrachte. Als der Prophet mit der Offenbarung betraut wurde, war Hz. Ali zehn Jahre alt. Von den Frauen war Hz. Khadîdscha, von den Männern war Hz. Ali der Erste, der an ihn glaubte. Hz. Ali begegnete dem Islam also schon in sehr jungen Jahren. Damals beteten die Menschen noch Götzen an und kannten die Wahrheit nicht. Trotz seines Kindesalters glaubte er mit fester Überzeugung. Er beließ es nicht beim Glauben allein, sondern engagierte sich auch mit großem Einsatz dafür, seinen Glauben zu leben und zu verteidigen. Da er im Haus des Propheten aufgewachsen war, lernte er dessen Worte, Verhalten und edle Moral direkt und unmittelbar kennen. Dies prägte seinen Charakter stark. Schon als Kind lernte Hz. Ali Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Barmherzigkeit, Großzügigkeit und Gerechtigkeit. Diese Tugenden machten ihn schon im jungen Alter zu einer respektierten Persönlichkeit. Die Menschen bewunderten seinen Mut, seinen Verstand und seine Moral. Der Prophet vertraute ihm sehr. Es war auch der Prophet selbst, der ihm den Beinamen „Abu Turab“– „Vater der Erde“– gab. Die Treue, Ehrlichkeit und Entschlossenheit, die Hz. Ali sein Leben lang zeigte, waren das Ergebnis der Werte, die er bereits in seiner Kindheit verinnerlicht hatte. Aus diesem Grund nimmt seine Kindheit einen besonderen Platz in der Geschichte des Islams ein. Der edle Charakter und der starke Glaube, den er in dieser Zeit gewann, wurden zu einem Licht, das ihn sein Leben lang leitete.
Sein Mut während der Hidschra
Während der Mekka-Zeit wich Hz. Ali nicht von der Seite des Propheten. Auch bei der Auswanderung (Hidschra) übernahm er eine bedeutende Aufgabe: Er legte sich in das Bett des Propheten. Bevor der Gesandte Allahs (a.s.m.) mit Abu Bakr Mekka verließ, bat er Hz. Ali, sich in jener Nacht in sein Bett zu legen. Auch übergab er ihm die anvertrauten Gegenstände der Quraisch, mit dem Auftrag, diese zurückzugeben und sich anschließend nach Medina aufzumachen. Die Quraisch hatten das Haus des Propheten in jener Nacht umzingelt. Sie warteten auf den Moment, in dem der Prophet das Haus verlassen würde, denn es galt als feige, jemanden im eigenen Haus zu töten. Der Prophet aber legte sich nicht selbst schlafen, sondern ließ Hz. Ali in seinem Bett liegen und verließ das Haus in der Nacht. Er nahm eine Handvoll Erde, streute sie über die Quraisch und rezitierte die ersten acht Verse der Sure Yasin. So verließ er das Haus ungesehen. Die Quraisch hielten ihn noch immer für schlafend. Als sie schließlich das Haus stürmten, fanden sie nicht den Propheten, sondern Hz. Ali im Bett. Verwundert fragten sie nach dem Aufenthaltsort des Propheten, doch Hz. Ali gab keine Antwort. Ohne weiter Zeit zu verlieren, machten sie sich auf die Suche nach dem Propheten. Hz. Ali hingegen verteilte die anvertrauten Gegenstände an ihre rechtmäßigen Besitzer und machte sich drei Tage später auf den Weg nach Medina. Nach einer langen und anstrengenden Reise erreichte auch er die Stadt.
Der Mut von Hz. Ali
Eine der herausragendsten Eigenschaften von Hz. Ali war seine Tapferkeit. In allen Schlachten, an denen er teilnahm, zeigte er großen Mut und Heldenhaftigkeit. Er war stets an der Seite des Propheten und beteiligte sich an allen Feldzügen. In Uhud und Hunayn wurde er an mehreren Stellen verwundet. In der Schlacht von Badr war er Bannerträger und führte die Aufklärungseinheit an. Er erkundete strategische Positionen und informierte den Propheten darüber, was entscheidend für den Erfolg dieser Schlacht war. Vor Beginn der Schlacht von Badr war er einer der drei Kämpfer, die im Duell gegen die Quraisch antraten. Dort besiegte er Walid ibn Mugira mit dem Schwert und eilte dem schwer verletzten Hz. Ubayda zur Hilfe. Auch dessen Gegner tötete er. Als junger Mann von etwa 25 Jahren zeigte er bemerkenswerte Tapferkeit. Die Eroberung von Khaybar war besonders schwierig, da die Siedlung auf vulkanischem Boden lag und von starken Festungen geschützt wurde. Viele der vertriebenen Juden aus Medina hatten sich dort niedergelassen. Während der Belagerung sagte der Prophet eines Tages: „Morgen werde ich das Banner einem Mann übergeben, den Allah und sein Gesandter lieben und der Allah und seinen Gesandten liebt. Allah wird durch seine Hand den Sieg schenken.“Die Gefährten waren neugierig: Wer war dieser Mann? Auch Hz. Ömer äußerte: „Ich habe noch nie so sehr eine Führungsaufgabe gewünscht wie an jenem Tag.“Am nächsten Morgen rief der Prophet: „Wo ist Ali?“Hz. Ali kam, hatte aber Augenprobleme. Der Prophet strich mit seiner gesegneten Hand über seine Augen und sprach ein Bittgebet: „O Allah! Nimm Ali die Beschwerden von Hitze und Kälte.“Dann sagte er: „Gehe, bis Allah dir den Sieg verleiht!“Hz. Alis Augenleiden verschwand, und so zog er mutig in den Sieg.
Außer der Schlacht von Tabuk nahm Hz. Ali an allen militärischen Unternehmungen mit dem Propheten teil. Dass er bei Tabuk nicht dabei war, lag daran, dass der Prophet ihn als Stellvertreter in Medina zurückließ.
Ein großartiger Lehrer: Seine Vorliebe zu Wissen und Weisheit
Hz. Ali war nicht nur ein mutiger Krieger, sondern auch ein weiser und gelehrter Mensch. Da er schon als Kind beim Propheten aufwuchs, konnte er vieles lernen. Der Prophet vertraute ihm sehr und zog ihn bei wichtigen Entscheidungen zu Rate. Daher wird über ihn gesagt: „Ich bin die Stadt des Wissens, Ali ist ihr Tor.“Dies zeigt, wie tiefgründig sein Wissen war. Hz. Ali dachte sowohl über religiöse als auch über alltägliche Angelegenheiten intensiv nach und traf gerechte Entscheidungen. Die Menschen zögerten nicht, ihm schwierige Fragen zu stellen, da sie sicher waren, weise und richtige Antworten zu erhalten. Viele hörten seinen Worten aufmerksam zu und zogen Lehren daraus. Er riet auch Kindern: „Wissen erwirbt man durch Geduld. Wer mehr Wissen hat, besitzt auch mehr Wert.“Das zeigt, wie wichtig Wissen ist und dass jeder mit Geduld erfolgreich sein kann. Hz. Ali lehrte nicht nur durch Worte, sondern auch durch sein Verhalten. Er war stets höflich, bescheiden und gerecht. Er tat niemandem Unrecht, sprach nie schlecht über andere und verletzte keine Herzen. Sein Leben zeigt, wie bedeutend Lesen, Denken, Lernen und kluges Handeln sind.
Als Richter im Jemen
Hz. Ali war einer der größten islamischen Rechtsgelehrten unter den Gefährten. Komplizierte Fälle wurden ihm übergeben. Der Prophet schickte ihn als Richter in den Jemen. Hz. Ali sagte: „O Gesandter Allahs, ich bin kein Gelehrter und kenne die Rechtsregeln nicht.“Der Prophet legte seine gesegnete Hand auf seine Brust und betete: „O Allah, gib ihm Rechtleitung ins Herz und Wahrhaftigkeit auf die Zunge.“Hz. Ali berichtete später: „Seitdem hatte ich nie wieder Zweifel beim Richten zwischen zwei Menschen.“Der Prophet sagte: „Reite auf meinem Kamel in den Jemen. Wenn du den Gipfel jenes Berges erreichst, wirst du sehen, wie die Menschen dir entgegenkommen. Dann sage: ‚O Steine und Bäume! Der Gesandte Allahs grüßt euch.‘“Als Hz. Ali dies tat, hörte man ein lautes Geräusch von der Erde, und Steine und Bäume antworteten: „Segen und Friede seien auf dem Gesandten Allahs.“Alle Anwesenden bezeugten dieses Wunder und nahmen den Islam an. Nach dem Tod des Propheten wusch und bestattete ihn Hz. Ali. Danach leistete er Abu Bakr den Treueeid und unterstützte ihn in Staatsangelegenheiten sowie als Richter.
Gerechtigkeit und Kalifat
Hz. Ali zeichnete sich durch hohe Moral und Gerechtigkeit aus. Er behandelte seine Familie, Nachbarn und selbst Fremde mit Güte. Jeder vertraute seiner Ehrlichkeit. Einmal behauptete jemand, Hz. Ali habe seine Rüstung gestohlen. Diese war jedoch im Besitz eines anderen Mannes. Trotz seiner Stellung als Kalif stellte sich Hz. Ali mit diesem Mann vor das Gericht und akzeptierte das Urteil. Da er keinen Beweis vorlegen konnte, sprach der Richter die Rüstung dem anderen Mann zu. Hz. Ali regte sich nicht auf, denn er liebte die Gerechtigkeit. Der Mann war so beeindruckt, dass er zum Islam übertrat. Hz. Ali sprach nie schlecht über andere, mied es, Herzen zu verletzen, half Armen und Waisen und verachtete niemanden. Seine Ehrlichkeit, Geduld, Bescheidenheit und Barmherzigkeit sind bis heute ein Vorbild für uns alle.
Seine Ehe mit Hz. Fatima
Neben seinen Tugenden war es für Hz. Ali eine besondere Ehre, die jüngste und liebste Tochter des Propheten, Hz. Fatima, zu heiraten. Fünf Monate nach der Ankunft des Propheten in Medina wurden sie verlobt, und im zweiten Jahr nach der Hidschra – nach der Schlacht von Badr – fand die Hochzeit statt. Der Prophet ordnete an, Brot aus etwas Mehl zu backen und ein Kamel zu schlachten. Bilal al-Habashi berichtete: „Ich brachte das Essen, der Prophet legte seine gesegnete Hand darauf. Dann kamen die Sahaba in Gruppen, aßen und gingen. Vom restlichen Essen wurde allen Frauen des Propheten je eine Schale gegeben mit der Anweisung: ‚Esst und gebt es auch anderen.‘“So viel Segen gehörte zu einer so gesegneten Ehe – zweifellos.
Hz. Ali zu Gast bei einem Christen
Hz. Ali war einmal bei einem Christen zu Gast. Dieser bot ihm Trauben an, die er aß. Dann brachte der Mann Wein, doch Hz. Ali sagte: „Das ist haram.“Der Christ erwiderte: „Ich wundere mich über euch Muslime. Trauben sind halal, aber Wein ist haram – obwohl das eine aus dem anderen gemacht wird.“Hz. Ali fragte: „Hast du eine Frau?“– „Ja.“– „Hast du eine Tochter?“– „Auch.“– „Dann bringe beide.“Als sie kamen, sagte Hz. Ali: „Diese Tochter stammt von dieser Frau – aber siehst du: Allah hat dir die Mutter erlaubt, die Tochter jedoch verboten.“Der Christ antwortete: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt und Muhammad sein Gesandter ist – und du bist sein Kalif.“Er küsste Hz. Alis Hand und wurde Muslim.
Geduld, Vertrauen und der Umgang mit Schwierigkeiten
Nach dem Tod des Propheten wurde Hz. Ali der vierte Kalif. Eine große Verantwortung, denn das Volk vertraute ihm. Doch in dieser Zeit traten auch innere Konflikte unter den Muslimen auf. Hz. Ali bemühte sich, diese zu lösen. Er lebte nicht in einem Palast, sondern unter dem Volk, führte ein einfaches Leben und erledigte seine Hausarbeiten selbst – ein Zeichen seiner Bescheidenheit und Einsatzbereitschaft. Er war stets um Gerechtigkeit bemüht, behandelte Reiche und Arme gleich und verteidigte die Rechte aller. Dennoch kam es zu innerislamischen Kämpfen, deren Ende er sich sehr wünschte. Er liebte Frieden und Brüderlichkeit und suchte stets den Dialog. Seine Führung zeigt: Ein wahrer Anführer dient dem Volk.
Sein Tod und das moralische Erbe
Hz. Ali stand sein ganzes Leben lang auf der Seite des Rechts. Er lebte ein beispielhaftes Leben mit Wissen, Gerechtigkeit und edlem Charakter. Doch eines Morgens, auf dem Weg zum Gebet, wurde er von einem Attentäter schwer verletzt. Einige Tage später starb er an den Folgen.Sein Tod versetzte seine Anhänger in tiefe Trauer. Doch sein Erbe war nicht materiell – es bestand aus weisen Worten, gerechtem Handeln und einem vorbildlichen Leben. Seine Worte werden noch heute in Büchern gelesen und im Unterricht gelehrt. So sagte er: „Der Mensch ist entweder dein Bruder im Glauben oder dein Gleicher in der Schöpfung.“– Ein eindrucksvoller Ausdruck von Menschlichkeit. Für Kinder ist das Leben von Hz. Ali ein wertvolles Vorbild, um Tugenden wie Ehrlichkeit, Liebe, Mut, Geduld und Gerechtigkeit zu lernen. Er sagte: „Reagiere auf das Schlechte, das dir widerfährt, mit Gutem.“– Ein Gedanke, der sowohl das persönliche als auch das gesellschaftliche Leben friedlich gestaltet
Bediüzzaman Said Nursi