Die Sünden sind all das, was unser Herr uns im Koran und unser Prophet (Friede sei mit Ihm) in den Hadithen verboten hat. Sünde bedeutet, sich den Geboten zu widersetzen, eine Art Auflehnung. Sünde ist die Befleckung und Verdunkelung des Herzens. Sünde ist ein innerer Zusammenbruch, ein Widerspruch und ein Gegensatz zur eigenen Natur. Wer in Sünde verfällt, überlässt sich dem Gewissensbiss und seelischen Schwierigkeiten und liefert alle seine geistigen Fähigkeiten und Möglichkeiten dem Teufel aus – er ist ein Unglücklicher. Wenn er weiterhin in der Sünde verharrt, verliert er völlig die Kontrolle: er hat dann weder Willenskraft noch Widerstand, noch die Möglichkeit, sich zu erneuern.
Lässt man der Sünde auch nur eine Minute Raum, wächst und entwickelt sie sich sofort. In ihr gibt es einen Weg, der in den Unglauben führt. Wenn das Auge auf Verbotenes fällt, sollte man sich sofort in eine Moschee zurückziehen und mit zwei Tropfen Tränen diese Sünde auflösen. Denn gewöhnt man sich an die erste, folgt die zweite unmittelbar danach. In dieser Sache darf man keine Nachlässigkeit zeigen, sondern muss so schnell wie möglich entschieden reagieren.
Ein einziges Mal auf das Verbotene zu blicken, entfacht im Inneren ein unaufhaltbares Feuer. So tritt man aus der Wirkung des islamischen Gefühls heraus und gerät unter das Bombardement der Sünde. Man muss sich sofort wieder vollkommen an die Verbote halten.
Die Freuden im erlaubten Rahmen genügen dem Menschen reichlich. Wir sollten wissen, dass wir keine verbotenen Genüsse nötig haben. Wenn die Sünde im Inneren Schmerz verursacht, ist das ein Zeichen des Glaubens.Wenn sie jedoch nicht mehr stört, ist das leider ein Zeichen der Heuchelei. Denn Heuchelei und Sünde sind von gleicher Art. Nur den Heuchler stört die Sünde nicht.
Vorsicht, Furcht vor dem Verderben
Der verehrte Üstad Bediüzzaman macht auf die Zerstörung aufmerksam, die Sünden an der spirituellen Seite des Menschen anrichten:
„Allah, der Erhabene, hat in dein Wesen eine solch geistige Ausstattung und so feine Empfindungen gelegt, dass manche davon die ganze Welt verschlingen würden und dennoch nicht satt würden; andere hingegen können nicht einmal ein Stäubchen ertragen. So wie der Kopf einen schweren Stein heben kann, das Auge aber nicht einmal ein Haar, so gibt es Empfindungen, die schon eine Winzigkeit an Last – nämlich einen kleinen Zustand der Achtlosigkeit oder Irreführung – nicht aushalten. Mitunter erlöschen sie sogar und sterben.
Wenn das so ist: Sei achtsam, setze jeden Schritt mit Bedacht und fürchte, zu versinken. Geh nicht in einem Bissen, in einem Wort, in einem Körnchen, in einem Glanz, in einem Zeichen oder in einem Kuss unter! Versenke deine großen Empfindungen, die imstande wären, die Welt zu verschlingen, nicht in solchen Kleinigkeiten!“(Lichtstrahlen, 17. Strahl, 14. Hinweis, drittes Zeichen, vereinfacht)
In jeder Sünde gibt es einen Weg, der in den Unglauben führt. Wird diese Sünde nicht rasch durch Reue und Bitte um Vergebung ausgelöscht, so bleibt sie nicht einfach wie ein Wurm, sondern wie eine kleine geistige Schlange, die das Herz beißt.
Die Wunden, die aus den Sünden entstehen, und die Zweifel und Einflüsterungen, die aus diesen Wunden hervorgehen, setzen – möge Allah uns bewahren – am Ort des Glaubens an, nämlich am Herzen, und schwächen den Glauben.
Manchmal wird – obwohl es an sich ein nützlicher Gegenstand ist – eine Internetseite, ein Computer- oder Handybildschirm oder auch eine Magazinseite zum Anlass für den Tod mancher Empfindungen, ohne dass der Mensch es überhaupt bemerkt. Während die Freude im erlaubten Rahmen für den Genuss vollkommen ausreicht und im unerlaubten Rahmen in einem einzigen Vergnügen tausendfacher Schmerz verborgen liegt, führt die Blindheit gegenüber dieser Wahrheit das Herz in den Tod. So kann ein verbotener Bissen, ein falsches Wort, ein unerlaubter Blick oder eine unrechtmäßige Berührung zu einem Ausrutschen werden und den Tod mancher Empfindungen verursachen.
Aus kleinen Abweichungen, die der Mensch anfangs für unbedeutend hält, entsteht im Laufe der Zeit ein Abgleiten vom Weg. Er entfremdet sich seiner eigenen Identität, wird seinen Werten gegenüber fremd und betritt einen stets gefährlichen, glitschigen Boden, auf dem er jederzeit stürzen kann. Manchmal stolpert er, manchmal fällt er, manchmal schlägt er der Länge nach hin und kommt nicht mehr auf die Beine. Er bleibt verkrümmt und gekrümmt zurück und ist dazu verurteilt, gebückt durchs Leben zu gehen.
Ein Fleck
Ein Vater, der seinen Sohn mit einem festen Charakter und fern von schlechten Taten erziehen wollte, verlangte von ihm, jedes Mal, wenn er etwas Schlechtes tat, einen Nagel in das Holzbrett im Garten zu schlagen und jedes Mal, wenn er etwas Gutes tat, wieder einen Nagel herauszuziehen. Der Junge tat, was sein Vater sagte. Doch er bemerkte, dass die Löcher im Holz nicht vollständig verschwanden. Als er das sah, war er sehr traurig.
Eine Sünde oder ein Fehler darf nicht auf die leichte Schulter genommen werden, denn diese Achtlosigkeit führt dazu, dass viele Menschen zugrunde gehen. Wenn die Sünde einmal in das Blut eines Menschen eindringt, wird sie zur Abhängigkeit der Seele (Nafs). Ein reines und lichtvolles Gewissen, das auch nur ein einziges Mal von einer Sünde verdunkelt wird, ist so, als wäre Pech ins Herz gefallen. Wird es nicht sofort durch Reue und Umkehr gewaschen und gereinigt, wird es härter und schwärzer als Stein.
Manche Dinge kennen kein „nur einmal“. Man kann nicht „nur einmal“sterben, „nur einmal“verbrennen oder „nur einmal“von einer Klippe stürzen – denn was danach geschieht, ist ungewiss. Die größte List der Gemeinschaften, die dem Satan dienen, ist es, den Menschen zu verleiten, eine Sünde „nur ein einziges Mal“zu begehen. Die Mutter „einmal“zurückzuweisen oder ihr „einmal“Leid zuzufügen, ist keine Kleinigkeit – ebenso wenig gibt es bei dem Ungehorsam gegenüber Allah ein „nur einmal“.
Dass die Sünden heute so weit verbreitet sind und die Menschen ihnen gegenüber so gleichgültig auftreten, liegt nicht nur an Unwissenheit, sondern auch an Gewohnheiten. Es ist wahr, dass Allah den Menschen mit Seiner Barmherzigkeit vergibt und Seine unendliche Gnade ihm öffnet. Aber gegenüber Ihm, der stets nur Güte erweist und Seine Gunst niemals vorenthält, Sünden zu begehen, ist nicht richtig.
Dass die heutigen Generationen sich im geistigen Bereich nicht entfalten können, hängt in hohem Maße mit den Sünden zusammen, die auf die eine oder andere Weise begangen wurden und deren Spuren geblieben sind. Ein weißes Blatt wird, selbst wenn man es ausradiert, nicht mehr so rein wie zuvor, wenn einmal ein Fleck darauf gekommen ist. Niemand hat das Recht, die spirituelle Natur seines Kindes zu zerstören.
Geduld mit der Versuchung
Geduld zeigt sich in verschiedenen Formen, und eine davon ist die Geduld gegenüber dem Verbotenen. Der Widerstand, den man im ersten Moment zeigt, wenn eine Sünde auftritt, bricht ihre schädlichen Folgen und hilft dem Menschen, diesen ersten Schock zu überwinden. Deshalb sagte der Gesandte Allahs (Friede sei mit Ihm) zu Hazrat Ali: „Der erste Blick ist für dich, der zweite ist gegen dich.“Das bedeutet: Wenn das Auge eines Menschen unwillkürlich auf etwas Verbotenes fällt, ihm aber sofort wieder entzogen wird, so wird dies nicht als Sünde vermerkt. Im Gegenteil: Dafür, dass er sich vom Verbotenen abwendet, kann er sogar Lohn erlangen. Doch der zweite und jeder weitere Blick sind wie vergiftete Pfeile, die sich ins Herz und in die Seele bohren. Sie erzeugen Verwirrung in der Vorstellungskraft und schwächen die geistige Kraft des Willens.
Jeder Blick auf das Verbotene ist in gewisser Weise eine Einladung, die Wege zur Sünde zu erleichtern. Ein Blick ruft den nächsten hervor, und so setzt der Mensch die Segel in Richtung Verbotenem und betritt einen Weg, von dem die Rückkehr schwer ist.
Noch bevor es soweit kommt, soll man, wie der Gesandte Allahs (FsmI) uns empfahl, im ersten Augenblick Geduld üben und sich abwenden. Wiederholt man diese Haltung, wird das Wegsehen vom Verbotenen zur Gewohnheit, ja zu einem festen Charakterzug. Das im Herzen vorhandene Licht des Glaubens wird dann zu einem Schutzschild gegen das Feuer der Sünde. So wird das Abwenden vom Verbotenen zu einem natürlichen und ursprünglichen Verhalten des Menschen. Sobald er das Gegenteil in Erwägung zieht, erinnert er sich sofort an Allah, an den Gesandten (FsmI), an das Paradies und an andere Schönheiten – und flieht vor allem, was ihn aus dieser geistigen Atmosphäre herausführen könnte. Es ist kaum vorstellbar, dass ein solcher Mensch bewusst in die Sünde fällt.
Der böse Blick ist der Mörder des Gedächtnisses
Die Gottesfreunde haben stets mit Nachdruck betont, dass der verbotene Blick Ursache für Vergesslichkeit ist. Sie erklärten, dass jemand, der seine Augen nicht beherrscht und ständig auf Szenen schaut, die die sinnlichen Begierden anstacheln, nach und nach ein schwächer werdendes Gedächtnis bekommt. So beklagte sich der ehrenwerte Imâm Shâfiʿî – vermutlich, als er einmal einen Text nicht schon beim ersten, sondern erst beim zweiten oder dritten Versuch auswendig lernen konnte – bei seinem Lehrer Wekîʿ Ibn al-Dscharrâh über die Schwäche seines Gedächtnisses. Daraufhin rief ihn jener große Gelehrte dazu auf, sich sogar von den kleinsten Sünden fernzuhalten, und sagte zu ihm: „Wissen ist ein göttliches Licht; und Allah, der Erhabene, schenkt Sein Licht nicht demjenigen, der ständig in Sünden verstrickt ist.“
Der Trick der Maus
Ein Mann füllte sein Weizenlager mit seiner Ernte. Doch das Lager wurde einfach nicht voll. Der Mann verstand das Geheimnis nicht … obwohl er ständig neues Getreide einbrachte, nahm die Menge ab. Tage, Monate, Jahre vergingen in dieser Mühe, doch er konnte sein Ziel nicht erreichen. Er wusste nicht, dass die Mäuse im Lager überall Löcher gegraben hatten und deshalb der Weizen immer weniger wurde. So war er unfähig, die Ursache seines Problems zu erkennen und ein Heilmittel dafür zu finden.
Wenn selbst nach vierzig Jahren Gottesdienst das Lager des Menschen nicht gefüllt ist, wenn er die ersehnte Vollkommenheit nicht erreicht und in seinem Inneren nicht zu wahrer Tiefe findet, dann heißt das: In seinem Speicher nagt eine Maus. Die Sünden zehren nämlich all ihr Gutes und alle Tugenden auf, sie vernichten sie. Wer sein Lager mit rechtschaffenen Taten füllt, muss sich gegen die Mäuse der Sünde schützen – und das geschieht nur, indem er sich mit dem Schild der Taqwa (Gottesfurcht) wappnet. Denn Taqwa bedeutet, Sünden zu meiden und sich von ihnen fernzuhalten.
Der Mann, der Dornen pflanzt
Jemand hatte Dornen an den Wegrand gepflanzt. Die Dornen wuchsen und wuchsen und fingen an, die Leute zu stören. Sie sagten: „Reiß die Dornen aus.” Der Mann sagte immer wieder: „Morgen“, aber die Dornen wuchsen und wurden immer stärker. Ein Gottesfreund sagte: “Zögere es nicht hinaus, halte dein Versprechen.” Wieder sagte der Mann: “Heute… Wenn nicht, dann morgen”. So antwortete der Freund der Wahrheit: “Du verschiebst es immer, indem du morgen sagst. Die Dornen wachsen und werden stärker und jünger; du wirst alt und verlierst deine Kraft. Ich fürchte, du wirst bald nicht mehr in der Lage sein, die Dornen auszureißen.” Die Sünde nährt sich, wenn sie wiederholt wird, ihre Wurzeln werden tiefer, sie wird zur Gewohnheit, sie dringt in das Blut des Menschen ein, und der Mensch kann das Gewohnte bald nicht mehr aufgeben, so wie ein Drogensüchtiger. Deshalb ist „in jeder Sünde ein Weg, der zum Unglauben führt“. Mit der Zeit verdunkelt dieser Wolf das Licht des Glaubens und lässt den Sünder sagen: „Ich wünschte, es wäre keine Sünde.” Er wird geradezu ein Befürworter der Hässlichkeit. Und eines Tages wird der Mensch zum Verteidiger dieses Lebensstils, er glaubt daran. Nicht in der Sünde zu verharren, sie durch Reue und Buße zu bereinigen und den Teufel durch eine große gute Tat zum Bedauern zu bringen, bewahrt den Menschen davor, zu einem Gefangenen zu werden, dessen Hände und Arme wie mit Stacheldraht gefesselt sind. Wenn die Sünde nicht rechtzeitig bekämpft wird, wird es schwierig, sie auszurotten.
Günah, Haya ve İffet